Regierungsinformation
über die
polnische Außenpolitik,
vorgestellt
von dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten der
Republik Polen,
Prof. Adam
Daniel Rotfeld,
während
der Sitzung des Sejms
am 21. Januar
2005
Herr
Präsident!
Herr
Ministerpräsident!
Herr
Sejmmarschall!
Hohes Haus!
Mit einer gewissen Unruhe und Schüchternheit ergreife ich das
Wort, da ich zum ersten Mal auf diesem Podium als neu ernannter
Außenminister stehe. Überdies soll ich dem Hohen Haus die
Prioritäten und Prämissen der polnischen Außenpolitik
vorstellen, die unter Ihrer Leitung, Herr Sejmmarschall, vorbereitet
worden sind, als Sie so erfolgreich das Amt des Außenministers
ausübten.
Meine Ansprache eröffnet die vierte und zugleich letzte
Sejmdebatte in dieser Legislaturperiode, die der Außenpolitik
gewidmet ist und jedes Jahr stattfindet. Das Wahljahr hat begonnen.
Das ist insoweit von Bedeutung, als daß in der heutigen Zeit
die früher klare Trennlinie zwischen Inneren und Internationalen
Angelegenheiten verschwimmt. Ich erwähne dies, weil ich gleich
zu Beginn erklären möchte, daß es weder mein Ziel
noch meine Absicht ist, sich in irgendeiner Form an der Wahlkampagne
zu beteiligen. Das nationale Interesse des Polnischen Staates
gebietet es, die Außenpolitik und deren Instrument, die
Diplomatie, auf parteiübergreifende Weise zu begreifen. Ich
möchte unsere Aktivitäten optimieren und die Kontinuität
in all jenen Angelegenheiten sichern, die Minister Krzysztof
Skubiszewski im Herbst des Jahres 1989 eingeleitet hat und die in den
folgenden 15 Jahren von seinen Nachfolgern - Andrzej Olechowski,
Władysław Bartoszewski, Dariusz Rosati, Bronisław Geremek und
Włodzimierz Cimoszewicz - fortgeführt wurden.
Herr
Sejmmarschall!
Hohes Haus!
Nachdem ich diese Erklärung vorausgeschickt habe, möchte
ich Ihnen die Liste der wichtigsten Angelegenheiten vorstellen, die
auf der Tagesordnung unserer Außenpolitik stehen.
Erstens: wir werden unsere Stellung in der Europäischen Union
als eines verantwortlichen Staates festigen, für den die
Gemeinsame Außenpolitik sowie die Sicherheits- und
Verteidigungspolitik der EU eine Ebene bilden, auf der einerseits ein
Interessensausgleich andererseits aber eine Überwindung der
bestehenden und die Verhütung neuer Spaltungen gesucht werden.
Wir werden uns um einen für Polen vorteilhaften Haushalt der
Europäischen Union für die Jahre 2007-2013 bemühen.
Unser Ziel ist es, für die Kohäsionspolitik und die
Landwirtschaft in den neuen Mitgliedsländern Mittel in maximaler
Höhe zu sichern – dabei lassen wir uns von dem Bestreben
leiten lassen, mittels des neuen Haushalts den Ausgleich
zwischen den unterschiedlichen Entwicklungsniveaus der
EU-Mitgliedsländer zu beschleunigen. Es ist unser Anliegen, bis
Juni 2005 einen politischen Kompromiß in Sachen Neue
Finanzperspektive zu erreichen. Das ist eine schwierige Aufgabe, wir
hoffen jedoch, daß die Verhandlungen in einer Atmosphäre
guten Willens, ohne taktische Verzögerungen und Zeitaufschub
verlaufen werden.
Zweitens: als Mitglied des Nordatlantischen Pakts und der
Europäischen Union streben wir eine neue Öffnung in den
Beziehungen zwischen dem gesamten Westen und der Ukraine an. Die
demokratische Wende, die sich in diesem Land vollzogen hat, traf auf
Verständnis und Unterstützung aller verantwortlichen
politischen Kräfte in Polen. Wir werden alles tun, damit diese
Wende von den Gesellschaften der demokratischen westlichen Staaten
gewürdigt wird und Anerkennung findet. Wir haben es nämlich
mit einem Ereignis von historischem Rang zu tun, vergleichbar mit dem
„Völkerherbst“ des Jahres 1989. Die Reformen in der
Ukraine benötigen eine Unterstützung und ihre politische
Hinwendung zu den euroatlantischen Strukturen eine Erwiderung. Wir
möchten dem neuen Präsidenten und der Regierung der Ukraine
auf bilateraler Ebene die erforderliche Hilfe erteilen und unsere
Erfahrungen, die wir bei dem Aufbau und der Festigung der
demokratischen und pro-europäischen Transformation gesammelt
haben, mit ihnen teilen. Wir werden uns insbesondere darum bemühen,
daß die Europäische Union ihre Beziehungen zur Ukraine in
den Rang einer Strategischen Partnerschaft erhebt und eine
Beitrittsperspektive in Aussicht stellt, die NATO hingegen der
Ukraine einen Aktionsplan für NATO-Mitgliedschaft anbietet.
Drittens: wir werden den privilegierten Charakter unserer Beziehungen
zu den Vereinigten Staaten festigen. Während der nächsten
vier Jahre wird ein Präsident im Weißen Haus sein Amt
ausüben, der den polnischen Fragen wohlwollend gegenüber
eingestellt ist. Die Regierung ist sich dessen bewußt, daß
der besondere Charakter der polnisch-amerikanischen politischen
Beziehungen in anderen Bereichen der gegenseitigen Relationen noch
keinen vollen Niederschlag gefunden hat. In wirtschaftlichen
Angelegenheiten und in der militärischen Zusammenarbeit waren
vorteilhafte Veränderungen zu beobachten und es ist unser
Wunsch, diese Trends beizubehalten. Schlechter sieht es mit der
Abschaffung der Visumspflicht für polnische Bürger
aus, die in die USA reisen. Es wäre unverantwortlich, in dieser
Angelegenheit eine schnelle Wende zu versprechen. Wir werden alles
tun, um die Dynamik der Veränderungen zu beschleunigen und die
Erwartungen der polnischen Bevölkerung zu befriedigen. Als neues
Mitglied der Europäischen Union und als bewährter
Bündnispartner der USA werden wir in den nächsten Wochen
und Monaten nach einer Renaissance des Transatlantischen
Gemeinschaftsgeistes trachten, damit die Verstimmungen in
Vergessenheit geraten, die die Zusammenarbeit auf beiden Seiten des
Atlantiks in den letzten zwei Jahren erschwert haben.
Viertens: es ist unser Wunsch, daß nach den Wahlen im Irak mit
der neuen dortigen Regierung und unseren Bündnispartnern im
Rahmen der Stabilitätskoalition eine neue Formel für das
polnische Engagement in diesem Land vereinbart wird. Die Wahlen im
Irak sind ein unerläßliches Element der Normalisierung,
selbst wenn die Bedingungen für die Durchführung der Wahlen
nicht überall die besten sind. Ich hege jedoch die Überzeugung,
daß sie positive Veränderungen in Gang bringen werden. Die
Legitimation und die Autorität der dortigen Behörden wird
gestärkt, die Zusammenarbeit mit den Nachbarn des Irak
verbessert werden und die landeseigenen Sicherheitsstrukturen werden
imstande sein, eine größere Verantwortung für die
Lage im Irak zu übernehmen. Das Polnische Militärische
Kontingent im Irak wird verringert werden. Die einschlägigen
Entscheidungen werden die Fähigkeit, die uns aufgetragenen
Aufgaben durchzuführen, nicht schmälern. Wir wollen weitere
Reduzierungen vornehmen und gleichzeitig die Übernahme von
Verantwortung für die Sicherheit des Irak durch die Iraker
selbst fördern. Wir hegen aber keinerlei Illusionen und keiner
sollte dies tun: die Normalisierung im Irak wird Jahre brauchen und
eine aktive Unterstützung der internationalen Gemeinschaft
erfordern. Polen sollte – aus vielerlei Gründen –
sich der Teilnahme an dieser gemeinsamen Anstrengung nicht entziehen,
auch wenn unsere Beteiligung verschiedene Formen annehmen kann.
Unsere Anwesenheit im Irak wird sicherlich in einem immer stärkeren
Maße einen zivilen und nicht militärischen Charakter
haben. Die Anwesenheit von polnischen Unternehmen und nicht von
Soldaten wird sich in einem immer höheren Maße als für
die Stabilität des Irak förderlich erweisen.
Fünftens: Zu unseren Prioritäten gehört die Suche,
gemeinsam mit der Regierung der Bundesrepublik Deutschland, nach
einer Zukunftsformel für die Beziehungen zwischen unseren
Staaten - einer Formel, die endgültig die Belastungen der
Vergangenheit abschließen und qualitativ neue Perspektiven für
die Entwicklung der Beziehungen zwischen Polen und Deutschland
eröffnen würde. In den letzten Monaten ist es uns gelungen,
bedeutende Tatsachen herbeizuführen. Ich möchte daran
erinnern, daß der deutsche Bundeskanzler eindeutig erklärt
hat, daß die individuellen Vermögensansprüche, die
von Bürgern der Bundesrepublik Deutschland geltend gemacht
werden können, von der deutschen Bundesregierung nicht
unterstützt werden. Die neu ernannten Beauftragten der
Außenminister Polens und Deutschlands für bilaterale
Zusammenarbeit haben ihre Tätigkeit schon aufgenommen.
Schwierigkeiten in den Beziehungen zwischen unseren Ländern
müssen wir nüchtern, ohne Illusionen betrachten. Solche
Angelegenheiten lassen sich nicht durch einen Akt oder eine
Zauberformel lösen. Wir haben es mit einem Prozeß zu tun.
Es ist die Pflicht der polnischen Regierung, für die Interessen
des polnischen Staates und seiner Bürger Sorge zu tragen, und
das nicht nur in der Perspektive der kommenden Monate oder Jahre,
sondern ganzer Generationen – und zwar im Bewußtsein der
historischen Perspektive dieser Aufgabe. Wir werden für diese
Interessen Sorge tragen und gleichzeitig konstruktiv, im Geiste der
europäischen Partnerschaft mit der deutschen Regierung
zusammenarbeiten.
Sechstens: Die Regierung wird alles unternehmen, damit Polen als
Gastgeber und Veranstalter des III. Gipfels des Europarates, der
Organisation, die seit mehr als fünfundfünfzig Jahren die
demokratischen Länder unseres Kontinents integriert, seiner
Rolle auf angemessene Weise gerecht wird. Ich möchte daran
erinnern, daß das Gipfeltreffen im Mai dieses Jahres in
Warschau stattfindet. Es ist unser Ehrgeiz, daß der Warschauer
Gipfel die künftigen Aufgaben dieser so wichtigen europäischen
Institution aufzeigt und gleichzeitig eine Gelegenheit zu einer
tieferen Reflexion über den Stand der Sicherheitsarchitektur und
der Zusammenarbeit in Europa und in den euroatlantischen Beziehungen
bietet. Es ist außerdem unser Wunsch, daß der polnische
Vorsitz in der Visegrad-Gruppe den Sinn des gemeinsamen Handelns, vor
allem im Rahmen der Europäischen Union, erneuert. Schließlich
wünschen wir, daß der polnische Vorsitz im Ostseerat
vorteilhafte Auswirkungen zeitigt. Wir werden unsere Arbeiten an der
Reform der Vereinten Nationen fortsetzen und unsere Vision der Neuen
Politischen Akte dieser Organisation für das 21. Jahrhundert
präsentieren.
Siebtens: Es ist unsere Bestrebung, daß die kommenden Monate zu
einer neuen Denkweise über die Möglichkeiten führen,
wie Polen in außereuropäischen Richtungen handeln kann.
Die Annahme einer komplexen Strategie gegenüber den
Entwicklungsländern im November des vergangenen Jahres
bildet ein politisches Signal für die neue Haltung der
Regierung. Wir möchten erreichen, daß das Gesetz über
die Zusammenarbeit zugunsten von Entwicklung angenommen und umgesetzt
wird und die notwendigen Organisationsstrukturen aufgebaut werden.
Achtens: die polnische Außenpolitik soll die Ziele erreichen,
die der Wirtschaft Polens und den polnischen Unternehmen dienen. Die
wirtschaftliche Transformation, die Privatisierung und die
eingeleitete Liberalisierung des Wirtschaftsverkehrs erfordern
entsprechende Änderungen der Strukturen in den
Auslandsvertretungen der Republik Polen. Das bedeutet, daß die
Prozesse der Integration von Mitteln und Instrumenten der
Außenpolitik im Ministerium für Auswärtige
Angelegenheiten und den Diplomatischen Vertretungen fortgeführt
werden. Diesem Ziel sollte auch die Gründung der geplanten
Polnischen Agentur für Wirtschaftsförderung dienen. Die
wirtschaftliche Ausrichtung der polnischen Außenpolitik ist,
trotz der starken Widerstände im Ressort, unerläßlich.
Infolge der Teilnahme Polens an der Gemeinsamen Handelspolitik der EU
und der Notwendigkeit, die innereuropäischen Politiken im
Interesse der Wirtschaft Polens aktiv zu gestalten, ist im Jahre 2005
eine bedeutende Beschleunigung erforderlich.
Hohes Haus!
Die Herausforderungen, die sich in den vergangenen Monaten der
polnischen Außenpolitik gestellt haben, haben wohl zum ersten
Male zu Spaltungen auf der polnischen politischen Bühne geführt.
Nicht selten kam es, auch in diesem Saale, zu heftigen Kontroversen,
so z.B. über den Verfassungsvertrag für Europa oder über
die polnische Anwesenheit im Irak. Dies zeugt vor allem davon, daß
die Entwicklung der internationalen Politik Fragen weckt, auf die es
oftmals nicht nur eine und auch keine einfache Antwort gibt. Ich
teile jedoch die Ansicht nicht, daß dies das Ende des
nationalen Einvernehmens zu den Hauptthemen und -aufgaben der
polnischen Außenpolitik bedeute. Das Verhalten der polnischen
Bevölkerung und das einträchtige Handeln der polnischen
Politiker in Sachen Ukraine strafen diese These Lügen. In dieser
Angelegenheit wird eine Wahrheit bestätigt: wenn wir gemeinsam
mit einer Stimme sprechen, gelingt es uns erfolgreich unsere
nationalen Interessen zu verwirklichen. Es wäre unser aller
Schaden, wenn die fundamentalen Fragen der polnischen Außenpolitik
in aktuelle Wahlkalkulationen verwickelt würden.
Mein Ehrgeiz ist es, die Kontinuität all jener Prozesse zu
sichern, die Polen dienlich sind und die von meinen Vorgängern
eingeleitet wurden. Die künftigen politischen Konstellationen
und die neue Regierung werden sicherlich der Außenpolitik ihr
eigenes Angesicht verleihen, doch die für Polen und seine
Sicherheit grundsätzlichen Angelegenheiten sollten
fortgeführt werden. Zu diesem Zweck ist eine vertiefte Debatte
über die Fragen erforderlich, die für Polen und seine
Außenpolitik von fundamentaler Bedeutung sind. Aus diesem
Grunde ist es zweckmäßig, an die Begriffe und elementaren
Fragen, ja an die Prämissen zu erinnern, und ihr Verständnis
wiederaufzufrischen. Ich bin überzeugt daß die heutige
Debatte einen wesentlichen Beitrag zu diesem Prozeß leisten
wird.
Hohes Haus!
Am 1. Mai 2004 ist Polen Mitglied der Europäischen Union
geworden. Für eine volle Würdigung der Folgen dieses
historischen Ereignisses ist es noch zu früh, aber eines ist
außer Zweifel: unser Beitritt zur Europäischen Union hat
viele falsche Prognosen, Ängste und Befürchtungen, an denen
es weder in Polen noch im Ausland gemangelt hat, sich als unwahr
herausstellen lassen.
Es hat sich gezeigt, daß die Europäische Union infolge des
Beitritts Polens und neun anderer Länder nichts von ihrer
politischen Kohäsion eingebüßt hat. Polen wurde
nicht zu einem Trojanischen Pferd, wie man es uns vorgeworfen hatte,
mußte auch keinen Nachhilfeunterricht nehmen, um zu lernen, wie
wir zu guten Europäern werden würden. Die Geschehnisse in
der Ukraine haben das Gegenteil gezeigt: es gibt Situationen, in
denen es sich lohnt, der Stimme Polens mit besonderer Aufmerksamkeit
zuzuhören, und in denen Polens Handeln das Prestige ganz Europas
steigert.
Hohes Haus!
Die Mitgliedschaft in der EU wurde zu einem spürbaren
Impuls für die Entwicklung Polens. Die ersten EU-Mittel
gelangten nach Polen und, was wichtig ist, sie werden gut
bewirtschaftet. Niemand hat infolge des Beitritts Polens zur EU
Verluste davongetragen. Alle haben profitiert. Als bestes Beispiel
sei die Verbesserung der Lage der Bauern angeführt, einer
gesellschaftlichen Gruppe, in deren Namen die größten
Befürchtungen im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft Polens in
der EU geäußert wurden.
Unsere nationale Identität hat nicht gelitten. Wir leben
weiterhin in unserem eigenen Land, doch schreiten wir schneller in
Richtung Modernisierung voran. Eine offene öffentliche Debatte
über die Vision Europas, so wie wir sie uns wünschen, und
unsere Stellung in ihrem Rahmen erscheint uns natürlich und
äußerst notwendig. Die nächsten Monate werden
in allen Mitgliedsländern eine Zeit intensiver Diskussionen über
die Vision Europas, seine künftige Entwicklung, seine Grenzen
und seine Identität in der globalisierten Welt sein. Die
Ratifizierung des Verfassungsvertrags, die Diskussion über die
Neue Finanzperspektive, die künftige Mitgliedschaft der Türkei
und, was aus polnischer Sicht genauso wichtig wenn nicht wichtiger
ist, die Notwendigkeit, konkrete Bedingungen und den Termin für
die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine festzulegen,
werden die Inspiration oder den Impuls zu dieser Diskussion bilden.
Auf der Tagesordnung steht heute nicht nur die Ratifizierung des
Verfassungsvertrags, sondern auch die Festigung der Unterstützung,
die die Bevölkerung unserer Mitgliedschaft in der EU gewährt.
Vor uns liegt die Debatte, die dem Verfassungsreferendum vorausgehen
wird. Die souveräne Entscheidung in dieser Sache wird nicht nur
für unsere weitere Entwicklung und die Gestalt der europäischen
Union von großer Bedeutung sein, sondern sie wird auch eine Art
Test der polnischen Aspirationen darstellen.
Hohes Haus!
Der im vergangenen Jahr unterzeichnete Verfassungsvertrag bildet eher
einen Abschluß der früheren Vereinbarungen, systematisiert
und ordnet sie, und ist nicht sosehr ein Marschplan für die
Zukunft. Doch eine Ablehnung des Vertrags durch Polen würde
unser Land zu einer Selbstisolierung verurteilen, im besten Falle zu
einer Rückkehr zur Idee eines „Europa mit zwei
Geschwindigkeiten“ oder einem Europa führen, das aus einem
harten Kern und einer Peripherie bestünde. Die größte
Schwäche des Verfassungsvertrags ist seine Sprache. Oftmals wird
infolge der Suche nach Kompromißformeln ein internationaler
Beamtenjargon verwendet, der an andere Beamte gerichtet ist.
Verträge, die von Vertretern von 25 Ländern unterzeichnet
werden, sind selten klar, einfach und leserlich. Dennoch ist es
ein Vertrag, der, bei all seinen Schwächen, die aus der Tatsache
folgen, daß er ein Kompromiß ist, in gebührender
Weise die polnischen Interessen berücksichtigt.
Er ist zugleich der Ausgangpunkt für unsere Definition der
Zukunftsvision Europas. Wir sprechen von einem solidarischen und
kohärenten Europa, das effizient und wirksam handelt. Aus diesem
Grunde ist es, heute und morgen, für Polen so wichtig, daß
die Lissabon - Strategie umgesetzt wird. Dieser Plan geht davon aus,
daß die Wettbewerbsfähigkeit Europas im Verhältnis zu
anderen Zentren im Rahmen der Globalisierung gestärkt wird,
wobei dies vor allem mittels Investitionen und Wissen, neuer
Technologien und neuartiger technischer, wirtschaftlicher und
organisatorischer Lösungen geschehen soll.
Im Interesse Polens liegt eine Europäische Union, die ein
wichtiges Subjekt in den internationalen Bedingungen sein wird –
ein partnerschaftliches Subjekt in den politischen Beziehungen und
ein wettbewerbsfähiges auf der globalen Wirtschaftsszene. Die
Rivalisierung auf der globalen Bühne nimmt zu. Das ist eine
strategische Herausforderung für alle europäischen Staaten,
auch die größten unter ihnen. Es wird für sie immer
schwieriger, sich allein mit solchen Mächten wie den USA oder
China und Indien, die immer stärker werden, zu messen. Nur
gemeinsam vermag Europa der neuen Realität wirksam die Stirn
bieten. Es entspricht dem polnischen nationalen Interesse, in
strategischen Dimensionen über Europa zu denken. Aus dieser
Perspektive ist die weitere Erweiterung der EU nach Osten von Vorteil
– sowohl für Polen als auch für die EU als Ganzes.
Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union hat den Schwerpunkt
unserer diplomatischen Aktivitäten verlagert. Zur wichtigsten
Sache wurde es, auf unsere Partner in der EU einzuwirken und sie von
unserem Standpunkt zu überzeugen. Wir haben bewiesen, daß
wir es verstehen, sich mit ganzer Kraft für unsere Sachen
einzusetzen ohne gleichzeitig die Interessen der EU als Ganzes aus
dem Blickwinkel zu verlieren. Wir sollten und möchten uns nicht
an der Peripherie bewegen oder nur die Bremse benutzen bzw. uns auf
„Schadensbegrenzung“ einstellen. Wenn man die Bremse
betätigt, kann man zwar die Geschwindigkeit der gemeinsamen
Reise drosseln, aber sicherlich nicht über die Richtung
mitentscheiden. Wir sind ein aktives Subjekt in der EU Politik und
wollen es auch weiterhin sein. Wir nehmen immer stärkeren
Einfluß auf die Gestalt der EU-Entscheidungen.
Hohes Haus!
Auf der Tagesordnung steht heutzutage eine wichtige Frage – und
sie sollte Gegenstand einer ernsthaften Diskussion werden: mit wem
und auf welche Weise wollen wir innerhalb der EU unsere Interessen
verwirklichen? Unsere Strategie umfaßt drei grundlegende
Kontaktebenen. Erstens pflegen wir enge Kontakte und arbeiten mit
unseren strategischen Partnern zusammen. Hauptsächlich gilt dies
für Deutschland und Frankreich, aber auch für
Großbritannien, mit dem uns das gleiche Verständnis des
Ranges der transatlantischen Beziehungen verbindet. Zweitens sorgen
wir dafür, daß die engen Bande mit den Ländern
unserer Region, insbesondere den Mitgliedern der Visegrad-Gruppe,
aufrechterhalten bleiben. Drittens suchen wir gute Beziehungen
und wirken wir mit allen EU-Partnern zusammen, mir denen uns
Interessen in konkreten Angelegenheiten verbinden. Mit anderen Worten
stellen wir uns nicht darauf ein, in der EU dauerhafte Koalitionen zu
bilden, sondern wir bestimmen unseren Standpunkt in konkreten
Angelegenheiten und suchen dann nach Bündnispartnern, deren
Haltung der unsrigen ähnelt oder mit unserem Standpunkt verwandt
ist. Wir lehnen entschieden und eindeutig die Idee eines
„Europäischen Direktoriums“ bzw. eines „Kerneuropa“
ab. Heutzutage sind keine Rückkehrtrends zu diesen Konzepten zu
beobachten. Es herrscht ein guter, auf die europäische
Zusammenarbeit ausgerichteter Geist.
Hohes Haus!
Unsere Mitgliedschaft in der Europäischen Union hat dazu
geführt, daß wir die bilateralen Beziehungen in einem
neuen Kontext erörtern. Das trifft insbesondere auf unsere
wichtigsten europäischen Partner, Deutschland, Frankreich
und Großbritannien, zu.
Die Beziehungen zu Deutschland waren in den letzten Monaten und
Jahren Gegenstand vieler Debatten, die manchmal sehr emotional
geführt wurden. Sie waren in der Regel eine Reaktion auf
Handlungen verschiedener politischer Kreise in Deutschland. Es
ist verständlich, daß die polnisch-deutschen Beziehungen
auch heute, nach der Erweiterung der Europäischen Union, in
ihrer Bedeutung über bilaterale Beziehungen hinausgehen und
nicht nur eine historische, von der Vergangenheit bestimmte Dimension
besitzen. Um unsere Politik zu optimieren, müssen wir die Frage
beantworten, wie die Beziehungen sich im Verhältnis zur
Verwirklichung unserer - polnischen und deutschen - umfassenderen
politischen Aspirationen gestalten, und dies sowohl im Kontext
Gesamteuropas als auch in transatlantischer Dimension. Vom
polnischen Strandpunkt aus könnten und sollten diese
Beziehungen ein Instrument und gleichzeitig ein wichtiger Hebel für
unsere Rolle in Europa sein. Es liegt uns daran, ein neues Modell der
polnisch-deutschen Beziehungen aufzubauen, das in den europäischen
und transatlantischen Kontext gut eingepaßt sein müßte.
Ein enges Zusammenwirken von Polen und Deutschland ist notwendig,
insbesondere, um die Politik westlicher und euroatlantischer
Institutionen gegenüber unseren Nachbarn im Osten, somit
gegenüber Osteuropa, dynamischer zu gestalten. Das gemeinsame
polnisch-deutsche Dokument, das die Minister Włodzimierz Cimoszewicz
und Joschka Fischer vergangenes Jahr in Luxemburg vorgestellt haben,
kann zur Grundlage einer neuen EU-Politik gegenüber der Ukraine
werden. Als weitere Bereiche der polnisch-deutschen Zusammenarbeit
seien die Zukunft der transatlantischen Beziehungen und die
politische und die Verteidigungsidentität Europas genannt.
Dieses Zusammenwirken muß auf der Achtung der Gleichrangigkeit
der Partner gründen. Wir erkennen die Rolle Deutschlands in der
europäischen Konstruktion an. Wir glauben, daß auch auf
der anderen Seite der Oder, auch bei der Bevölkerung, die
negativen Stereotypen bezüglich Polen durch das Bild eines
freundschaftlichen und wohlwollenden Partners ersetzt werden. Ein
derartiges Zukunftsmodell wird nicht zur Politikgrundlage werden,
wenn die Fragen der Vergangenheit nicht endgültig und eindeutig
abgeschlossen werden. Diese Fragen bringen erneut Elemente des
Mißtrauens, der Unsicherheit und Destabilisierung in die
polnisch- deutschen Beziehungen hinein. Unsere Beziehungen erfordern
klare Erklärungen und Entscheidungen aller wichtigen politischen
Kräfte und Gruppierungen in Deutschland. Es darf nicht sein, daß
die „Ewiggestrigen“ über die Zukunft der Beziehungen
zwischen unseren Völkern entscheiden. Wir vertrauen auf die
Kraft unserer Standpunkte, die historisch gerecht sind und eine
stabile Rechtsgrundlage haben. In unserer Politik gegenüber
Deutschland muß man sich von Komplexen befreien und darf sich
nicht von Emotionen leiten lassen. Unsere Haltung stößt
bei dem Präsidenten, dem Bundeskanzler und dem
Bundesaußenminister auf Verständnis und den Willen zur
Zusammenarbeit.
Herr
Sejmmarschall!
Hohes Haus!
In das Jahr 2005 fällt der Jahrestag der Beendigung des Zweiten
Weltkriegs. Für uns ist es auch das Jahr, in dem die Gebiete
Westpolens zum Mutterland zurückkehrt sind. Die Distanz und die
historische Perspektive sind jetzt ausreichend groß und
erlauben eine tiefere Reflexion über die Verantwortung, die
Folgen des Krieges, seinen Platz im heutigen Bewußtsein der
Staaten und Bevölkerungen. Polen fällt die Rolle zu, die
historische Wahrheit zu verteidigen und sich der Fälschung und
Manipulation der Geschichte zu widersetzen.
An dieser Stelle, Herr Sejmmarschall, erlaube ich mir einen kleinen
Diskurs. Ich glaube, daß die Zeit reif ist, daß alle
Bevölkerungen und Medien der demokratischen Staatengemeinschaft,
in Europa, den USA und Kanada, endlich, 60 Jahre nach Kriegsende, die
elementare Wahrheit darüber erfährt, was damals im
besetzten Polen tatsächlich geschah: Wer der Aggressor und
Besatzer war, wer die Vernichtungslager baute und dort Menschen
umbrachte und wer der Geknechtete war, der der deutschem
nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ausgesetzt war. Auf
polnischem Boden gründeten die Deutschen die größten
Vernichtungslager, in denen, neben Juden, massenweise Polen sowie
Vertreter anderer europäischer Nationen ermordet wurden. In
wenigen Tagen, am 27. Januar, kommen die Staatsoberhäupter von
mehr als 40 Ländern zu der Feier anläßlich der 60.
Jahrestages der Befreiung des nationalsozialistischen Lagers
Auschwitz-Birkenau, um der Ermordeten zu gedenken. Wenige Tage vor
den Feierlichkeiten, die die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich
ziehen werden, wende ich mich von dieser Stelle an die Vertreter von
Journalistenverbänden, an der Verband Polnischer Journalisten
und andere Organisationen, die die polnischen Medien vertreten, damit
sie, unabhängig von den Appellen, Richtigstellungen und
diplomatischen Bemühungen des polnischen Ministeriums für
Auswärtige Angelegenheiten, Briefe an ihre Kollegen und
Partnerorganisationen schicken, in denen sie darauf aufmerksam
machen, daß der - gedankenlose oder vorsätzliche –
Gebrauch der Formulierung „Polnische Vernichtungslager“
beleidigend und schändlich ist. Auf diese Weise wird nicht nur
die Wahrheit über die Täter dieses Verbrechens verwischt
verzerrt, sondern auch unser Volk, das das erste Opfer der
verbrecherischen Praxis Nazi-Deutschlands war, verleumdet.
Herr
Sejmmarschall!
Hohes Haus!
Die Beziehungen zu Frankreich. An dieser Stelle brauche ich nicht zu
erwähnen, welch wichtige Rolle dieses Land für den Aufbau
einer europäischen Identität gespielt hat und weiterhin
spielt. Frankreich gehört zudem zu den führenden
ausländischen Investoren in Polen. Das schafft positive
Voraussetzungen, die eine verstärkte Partnerschaft
weiterentwickeln lassen. Das Klima der gegenseitigen
Beziehungen hat sich sichtlich verbessert. Der letzte Besuch des
französischen Außenministers Michel Barnier sei als
hervorragender Beweis angeführt. Lassen Sie es mich kurz fassen:
unsere Absichten hinsichtlich der Zukunft Europas sind einander viel
näher als dies in der Presse, in Kommentaren und in der
politischen Debatte dargestellt wird.
Manchmal wird die Frage gestellt, ob das Weimarer
Dreieck sein politisches Potential nicht schon ausgeschöpft
habe. Die Antwort ist einfach: derartige Institutionen haben sich
bewährt und stellen eine nützliche Plattform für die
politische Zusammenarbeit und für Diskussionen über
europäische Probleme dar. Insbesondere zählen wir darauf,
daß Frankreich in der Entwicklung der Beziehungen der EU zu
unseren östlichen Nachbarn eine aktive Rolle spielen wird.
Wir schätzen hoch die Partnerschaft, die uns
mit Großbritannien verbindet. Wir wissen uns in gemeinsamen
Ansichten zu vielen europäischen und globalen Fragen einig. In
der letzten Zeit hat die britische Regierung aktiv und mit großer
Vorstellungskraft die Mechanismen der europäischen
Zusammenarbeit mitgestaltet. Dies gilt besonders für die
Verteidigungspolitik, die Sicherheits- und die Gemeinsame
Außenpolitik. Das hat es auch uns in Polen erleichtert, unsere
Europapolitik zu formulieren. Die britische Politik illustriert die
These, daß Staaten einen größeren Einfluß auf
die Gestaltung der Zukunft Europas nehmen, wenn sie in Schlüssel-
und zentralen Fragen Stellung beziehen und sich nicht von wichtigen
Angelegenheiten distanzieren und sich selbst an die Peripherie der
europäischen Politik zurückziehen. Wir zählen auf eine
enge Zusammenarbeit mit Großbritannien. Besonders gilt dies für
die Gestaltung eines modernen Modells der transatlantischen
Beziehungen und der Relation zwischen Amerika und Europa, was für
unsere Sicherheit von grundlegender Bedeutung ist.
Hohes Haus!
Der Stand der transatlantischen Beziehungen ist –
wie aller zwischenstaatlichen Beziehungen – nicht ein Wert, der
für immer gegeben ist. Diese Beziehungen müssen Gegenstand
unserer ständigen Sorge und unserer Bemühungen sein. Das
wichtigste ist heutzutage, daß wir die Verstimmungen und
Vorurteile aufgeben, die die Differenzen im Zusammenhang mit der
Irak-Intervention zurückgelassen haben. Mit Befriedigung stelle
ich fest, daß auf beiden Seiten des Atlantiks der politische
Wille besteht, ein gutes Klima des Zusammenwirkens wiederentstehen zu
lassen. Doch geht es bei den transatlantischen Beziehungen nicht um
Klima und Atmosphäre, auf der Tagesordnung steht das gemeinsame
Handeln.
Vom polnischen Standpunkt aus betrifft der neue
Konsens in den transatlantischen Beziehungen zwei strategisch
wichtige Bereiche. Erstens geht es um eine gemeinsame Antwort des
Westens auf die demokratische Wende und die prowestlichen
Aspirationen der Ukraine, aber auch um eine gemeinsame politische
Linie gegenüber den restlichen Partnern im Osten Europas.
Zweitens ist eine engere transatlantische Partnerschaft im breiter
verstandenen Nahen Osten erforderlich. Eine solche Notwendigkeit
besteht besonders hinsichtlich der Revitalisierung des
israelisch-palästinensischen Friedensprozesses, der
Gewährleistung einer internationalen Unterstützung für
die Normalisierung der Lage im Irak sowie einer dauerhaften und
vollständigen Lösung des Iran-Problems im Zusammenhang mit
dessen Atomprogramm. Das transatlantische Zusammenwirken in allen
Fragen gewährleistet, daß alle Wege und Modi genutzt
werden, um diese Probleme effektiv zu lösen. Ich möchte
hinzufügen, dass in all diesen Angelegenheiten Chancen einer
neuen Eröffnung zu erkennen sind.
Wenn wir von transatlantischen Beziehungen sprechen, ist von der
Annahme auszugehen, daß Meinungsunterschiede auf beiden Seiten
des Atlantiks eine normale Erscheinung sind. Die neue Zugangsweise
bedeutet, daß Europa und die USA auf partnerschaftliche Weise
nach einem gemeinsamen Nenner suchen werden und gegenseitig ihre
Interessen respektieren werden. Im Zusammenhang mit dem Irak ist nach
einer fast zweijährigen Erfahrung festzustellen, daß weder
Amerika imstande ist, alles allein zu regeln, noch die Versuchung
einiger Europäer, ein „Gegengewicht“ zu den
Vereinigten Nationen spielen, eine konstruktive Option darstellt.
Gleichzeitig müssen wir auf eine ernsthafte Debatte über
das strukturelle Modell der transatlantischen Relationen
vorbereitet sein. Das trifft vor allem auf die Rolle und die Stellung
der NATO zu.
Das Engagement des Bündnisses in Afghanistan,
aber auch die Schulung des Militärs im Irak, sind Ausdruck einer
ganz neuen strategischen Bestimmung des Bündnisses. Wir haben
diese neue Qualität unterstützt, obwohl für Polen die
Bewahrung der klassischen Funktion des Bündnisses als eines
Instruments der kollektiven Sicherheit Priorität genießt.
Wir haben uns für eine selektive Globalisierung der
Stabilitätsmaßnahmen der NATO ausgesprochen, weil in der
heutigen Welt eine derartige Rolle des Bündnisses sich in der
Praxis als nützlich erweist. In den Augen der USA ist das die
Schlüsselfunktion der NATO als einer globalen Kraft. Europa wird
von Amerika nicht mehr als potentielles Opfer einer massiven
militärischen Aggression angesehen, das amerikanischen Schutz
und Garantien benötigt, sondern als Partner der Vereinigten
Staaten, der globale Bedrohungen mitübernimmt. Die NATO muß
ein Instrument dieser globalen Partnerschaft sein, ansonsten wird sie
austrocknen und das Interesse der Vereinigten Staaten an dem Bündnis
wird problematisch werden. Das wiederum würde den Anfang vom
Ende der Anwesenheit der Amerikaner in Europa bedeuten.
Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß
Polen daran gelegen ist und liegen sollte, daß die Anwesenheit
der Vereinigten Staaten in Europa aufrechterhalten wird und die USA
die Rolle einer eigenartigen europäischen Großmacht
spielen. Die Anwesenheit Amerikas ist unzweifelhaft als Mehrwert
einzustufen. Das ist vor allem in Osteuropa, dem Südkaukasus und
in Mittelasien zu erkennen.
Wir sind uns in Polen dessen bewußt, daß
die engen, sogar privilegierten Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten keine Alternative zu unserem Engagement zugunsten der
europäischen Integration bilden. Wir stellen uns die Frage, wie
wir die engen Beziehungen zu den USA dazu verwenden können, die
atlantischen Beziehungen als Ganzes zu verbessern. Unser Einsatz für
eine Verbesserung der transatlantischen Relationen wird nicht
glaubwürdig sein, wenn er nicht von einem gleichermaßen
starken Engagement zugunsten der Entwicklung der europäischen
Zusammenarbeit begleitet wird.
Polen erfreut sich heutzutage in Washington eines
Prestiges wie nie zuvor. Dieses Prestige ist unser neuer Trumpf und
von unschätzbarem Wert, selbst wenn es ein schwer zu ermessender
Wert ist. Wir können offen sagen: andere Länder bemühen
sich jahrelang erfolglos um solche Relationen. Eine derartige
Stellung wie diejenige, die wir in den USA genießen, kann man
nicht durch eine Lobbingtätigkeit erreichen. Dieses Prestige
gewinnt nach unserem Beitritt zur Europäischen Union an
Bedeutung. Unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten sind vor
allem deswegen wichtig, weil nur Amerika imstande ist, Polen - auf
eine besonders glaubwürdige Weise - Sicherheitsgarantien zu
gewähren. Diesen Faktor darf man, selbst in der heutigen Lage,
in der eine unmittelbare Bedrohung unserer Sicherheit
glücklicherweise am Horizont nicht zu erkennen ist, nicht
bagatellisieren.
Herr
Marschall!
Hohes Haus!
Der Triumph der Demokratie in der Ukraine, der auf
friedliche Weise erreicht wurde, ist das große Verdienst von
Millionen von Ukrainern. Es ist aber auch unser polnischer Erfolg.
Die Vermittlung von Präsident Aleksander Kwaśniewski und die
Tatsache, daß es uns gelungen ist, Vertreter der Europäischen
Union für die Sache zu gewinnen, das Engagement vieler
polnischer Politiker, die Aktivität unserer Sejmabgeordneten
über die Parteischranken hinweg, das Engagement der polnischen
Europaabgeordneten sowie Tausender junger Wahlbeobachter - diese und
andere Maßnahmen haben zu einer erfolgreichen Lösung der
Krise beigetragen und sind eine wichtige Investition in die Zukunft.
Die massenhafte Solidarität der Polen mit der demokratischen
Ukraine bildet einen günstigen Ausgangspunkt für eine Wende
in den Beziehungen zwischen unseren Bevölkerungen. Die
Beziehungen auf der Ebene von Präsidenten sind wichtig, doch
über die Zukunft unserer Länder werden unsere Völker
entscheiden. Die Ukrainer und die Polen haben in diesen Wochen und
Monaten bewiesen, daß sie sich durch höchste politische
Reife und ein entsprechendes Verständnis der Staatsraison
auszeichnen. Aus diesem Grunde werden wir jegliche Bemühungen
auf uns nehmen, um solide und gleichzeitig praktische Grundlagen für
eine solche Entwicklung der gemeinsamen Beziehungen auf der Ebene der
Bevölkerungen zu schaffen, damit der Wandel für Millionen
von Bürgern in unseren Ländern auf beiden Seiten der Grenze
nachvollziehbar wird.
Ich möchte die Überzeugung äußern,
daß die Ukraine und ganz Osteuropa dauerhaft auf die
Tagesordnung wichtiger Angelegenheiten zurückgekehrt sind, mit
denen europäische und euroatlantische sich Institutionen zu
befassen haben. Wir müssen dies zu einer positiven Umbewertung
der bisherigen Politik des Westens gegenüber unseren Nachbarn,
insbesondere zur Ausarbeitung eines realistischen und bedeutenden
„Eröffnungspakets“ für die Reformer in Kiew,
ummünzen. Der Mythos, daß unsere östlichen Nachbarn
angeblich nicht fähig seien, den westlichen Standards der
Demokratie und der Menscherechte gerecht zu werden, ist widerlegt
worden. Die These, daß die Völker dieses Teils Europas zu
einer anderen Zivilisations- und Kultursphäre, zu einer andern
„Einflußzone“ gehörten, ist in Frage gestellt
worden. Schließlich ist der Mythos nicht bestätigt worden,
daß die Bevölkerungen dieses Teils Europas in Apathie
verfallen und nicht imstande seien, eine Zivilgesellschaft
aufzubauen. Die früheren Ereignisse in Georgien und die
orangefarbene Revolution in der Ukraine zwingen die Politiker, eine
Umbewertung ihrer Ansichten und Meinungen, die sich auf Vorurteile
und stereotype Denkweisen stützen, vorzunehmen.
Hohes Haus!
Eine begründete Sorge weckt in Polen die Lage
in der Belarus, mit der wir eine gemeinsame Grenze haben. Wir
unterstützen die demokratischen und pro-europäischen
Aspirationen der dortigen Gesellschaft. Zusammen mit unseren
europäischen und transatlantischen Partnern bemühen wir
uns, die Politik des Westens so mitzugestalten, damit die
demokratischen und freiheitlichen Tendenzen in der Belarus mit
unserer vollen Solidarität rechnen können. Wir vergessen
auch Moldavien und die Notwendigkeit nicht, daß der Westen sich
stärker in die Lösung des Trans-Dnjestr-Konflikts
engagiert.
Hohes Haus!
Die Beziehungen zur Russischen Föderation
haben eine Schlüsselbedeutung für die polnische
Außenpolitik. Lassen Sie es uns klar sagen: Unser Engagement in
die Geschehnisse in der Ukraine war nicht gegen Rußland
gerichtet. Die Motivation unseres Engagements war die Unterstützung
fundamentaler Werte und kein Interessenspiel. Für uns war
wichtig, daß in der Ukraine der souveräne Wille des Volkes
gesprochen hat. Es gab dort keine fremde Verschwörung. Wir
glauben dabei, daß das, was in der Ukraine geschehen ist, auch
für Rußland, davon sind wir zutiefst überzeugt,
vorteilhaft ist. Noch nie in der Geschichte hatte Russland so viele
wohlwollend und freundschaftlich gesinnte Länder an seiner
Westgrenze. Es ist uns daran gelegen, daß Rußland
möglichst eng mit Europa, dem Nordatlantischen Pakt und der
Europäischen Union verbunden ist. Ich denke hierbei nicht nur an
die Verbindungen in Form von Gas- und Erdölpipelines, obwohl
diese sehr wichtig sind. Für Polen und Europa bilden Werte
den wichtigsten Konsolidierungs- und Sicherheitsfaktor und zugleich
den gemeinsamen Nenner: gemeinsame Demokratiestandards, freie Medien,
Menschenrechte. Wenn Rußland stabil, wohlhabend und
demokratisch sein wird, wird es ein viel wichtigeres Zentrum
bilden, das auf den gesamten postsowjetischen Raum ausstrahlen wird,
als wenn sich seine Politik auf anachronistische Konzepte von sog.
multipolaren „Einflußsphären“ stützte.
Auch die Relationen Rußlands zu den demokratischen westlichen
Institutionen sollte kein Nullsummenspiel sein. Die Modernisierung
Osteuropas, die Perspektive einer Integration der Ukraine,
Moldaviens, aber auch der Belarus mit den euroatlantischen und
europäischen Institutionen liegt im gemeinsamen Interesse eines
demokratischen Rußlands und des Westens.
Für Polen bedeutet die Mitgliedschaft in der
Europäischen Union auch die Möglichkeit, eine neue
Plattform für die bilateralen Beziehungen zu Rußland
aufzubauen. In dieser Frage werden wir keine Anstrengungen scheuen,
um der Lösung vieler unerledigter Probleme näherzukommen.
Ein erfahrener finnischer Politiker empfahl einst, man solle sich
Feinde in der Ferne und Freunde in der Nähe suchen. Es wäre
wünschenswert, wenn unsere beiden Länder sich von dieser
Devise in den gegenseitigen Beziehungen leiten ließen.
Hohes Haus!
Die Teilnahme an der gemeinsamen Diskussion, wie
die Vision der Beziehungen in unserer nächsten Region nach der
Erweiterung der Europäischen Union aussehen solle, bildet eine
neue Herausforderung für Polen. Es lohnt sich daher, auch in
unserer internen Debatte über die Stellung und Rolle der
Regionalpolitik im Rahmen der Gesamtheit der Aufgaben der
Außenpolitik nachzudenken.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der Visegrad-Gruppe,
der Zentraleuropäischen Initiative und des Ostseerates hat zu
einer Stärkung der Identität Mitteleuropas beigetragen und
die Stabilität in der gesamten Region gesichert. Nach unserem
Beitritt zur Europäischen Union, selbst 2 – 3 Jahre vor
der Erweiterung der EU, tauchten bei einigen unserer Partner Zweifel
bezüglich des Sinns auf, derartige subregionale Strukturen
beizubehalten. Wir vertreten eine andere Meinung zu diesem Thema.
Mehr noch - es ist uns mittels konkreter Initiativen, u.a. der
Rolle des jetzigen Vorsitzenden des Visegrad-Gruppe gelungen, die
Entwicklungsrichtung zu bestimmen, die die Zusammenarbeit in dieser
Region einschlagen sollte, damit deren Zweckmäßigkeit und
Nützlichkeit auf überzeugende Weise Ausdruck finden. Das
trifft auch auf die im Jahre 2001 initiierte Regionale Partnerschaft
zu, die, neben der Visegrad-Gruppe, auch Österreich und
Slowenien umfaßt. Unsere Partner konnten sich davon überzeugen,
daß Polen die Region nicht als Hinterland seiner politischen
Ambitionen auf dem EU-Forum betrachtet. Wir stellen uns andere Ziele:
wir möchten das Prestige und die Stellung in der europäischen
und transatlantischen Familie nutzen, um sich um die Interessen
dieser Region zu kümmern.
Die Erweiterung der Europäischen Union und
der NATO , die grundlegende Änderung des geopolitischen
Angesichts Europas, aber auch das Aufkommen neuer Herausforderungen
haben den Kontext verändert, in dem die gesamte institutionelle
Konstruktion in Europa - und nicht nur die subregionalen
Verbindungsstrukturen - zu handeln hat. Diese Institutionen müssen
einen neuen Sinn für ihre Existenz finden. Dieser Aufgabe muß
sich auch unsere Politik annehmen.
Hohes Haus!
Es ist unser Wunsch, daß im Mai bei dem
Treffen der Staaten des Europarates auf höchster Ebene in
Warschau eine konkrete Vision der Zukunft aufzeigt und die Stellung
dieser Organisation im Kontext anderer europäischer Strukturen
bestimmt wird. Wichtig ist hierbei, daß die Visionen, an denen
die jeweiligen Institutionen wie der Europarat oder die OSZE
arbeiten, kohärent sind. Diese Institutionen erfordern nämlich
einen grundlegenden Umbau. Besonders wichtig ist es, die Überlappung
von Aufgaben und Aktivitäten und gleichfalls die institutionelle
Rivalisierung abzuschaffen. Zudem ist den Tendenzen entgegenzuwirken,
daß die jeweiligen Organisationen sich hauptsächlich mit
ihren internen Problemen befassen. Dabei hegen wir nicht die
Illusion, daß es möglich sei, auf einen Schlag
Entscheidungen zu treffen oder Allheilmittel einzusetzen.
Ende Januar, Anfang Februar dieses Jahres trifft
sich die Warschauer Reflexionsgruppe, der hervorragende Analytiker
und Wissenschaftler aus Europa und Nordamerika angehören,
zu einem erneuten Treffen in Warschau. Ihre Aufgabe wird es sein,
einen Bericht über den komplementären Charakter der
europäischen Strukturen vorzubereiten. Das wichtigste ist dabei,
die normativen, politischen und operationellen Errungenschaften der
in Europa tätigen Institutionen nicht zu verspielen. Die Aufgabe
ist dringlich. Der letzte Ministerrat der OSZE in Sofia hat nämlich
offenbart, wie die natürliche Identitätskrise der
Organisation dazu genutzt werden kann, partikulare politische Ziele
zu verwirklichen. So verstehen wir die Versuche, die Arbeit dieser
Organisation im Bereich der menschlichen Dimension
einzuschränken. Das ist eine kurzsichtige Haltung und wird zu
umgekehrten Ergebnissen führen als erwünscht. Wir erwägen
unsererseits, auf konstruktive Weise nach neuen Lösungen zu
suchen. Das Aufkommen neuer Herausforderungen und asymmetrischer
Gefahren wie z.B. des internationalen Terrorismus, der Proliferation
der Massenvernichtungswaffen sowie neuer Erscheinungen wie in Konkurs
geratener bzw. geratender Staaten, machen es notwendig, die
Neudefinition der globalen internationalen Ordnung auf die
Tagesordnung zu stellen. Bei der Gestaltung der polnischen
Außenpolitik gehen wir davon aus, daß ein wirksamer
Multilateralismus einen Schlüssel zur Sicherung von Frieden und
Stabilität in der Welt bildet. Wir werden alles tun, um
die multilateralen Institutionen der globalen Verwaltung,
insbesondere die Organisation der Vereinten Nationen, zu bewahren und
zu stärken.
In diesem Zusammenhang ist die Reform der UNO die
dringlichste Aufgabe. Im Herbst 2002 wies der polnische Außenminister
Wlodzimierz Cimoszewicz auf die notwendige Umstrukturierung der UNO
hin. Er trug damals die Initiative vor, eine Neue Poltische Akte für
die Vereinten Nationen für das 21. Jahrhundert zu vereinbaren.
Die Notwendigkeit von Veränderungen gründete darauf, daß
das Sicherheitssystem in der Welt dynamisch ist, die Strukturen
hingegen statisch sind. Infolgedessen erweist sich – erstens -
das Konzept der Organisation als nicht adäquat ist. Die UNO ist
oftmals nicht fähig, Gefahren entgegenzuwirken und neuartige
Probleme zu lösen. Grund dafür ist, daß die
wichtigsten Probleme seit Jahren nicht so sehr in den Relationen
zwischen Staaten, sondern in den Ländern selbst entstehen.
Einerseits erwartet die internationale Gemeinschaft in der Regel eine
schnelle und wirksame Intervention, andererseits aber verfügt
die Organisation nicht über angemessene einschlägige
Normen, Verfahren und Instrumente.
Zweitens besteht eine Inadäquanz politischer
Natur, die dazu führt, daß das Kräfteverhältnis
in der Organisation nicht das reale Machtverhältnis in der Welt
widerspiegelt. Drittens besteht eine institutionelle Inadäquanz,
in deren Folge die Organe der Vereinten Nationen und ihre Beamten auf
ineffiziente, veraltete Weise arbeiten.
Die polnische Initiative war somit eine komplexe
Vision der Reform der Vereinten Nationen. Wir haben vorgeschlagen,
eine Gruppe Unabhängiger Persönlichkeiten solle einen
Änderungsentwurf vorbereiten. Der UNO-Generalsekretär hat
vor über einem Jahr eine solche Gruppe berufen, die im Dezember
2004 einen entsprechenden Bericht vorgelegt hat. Das Jahr 2005 wird
für die Vereinten Nationen, insbesondere für die
UNO-Mitgliedsländer, das Jahr sein, in dem die Reformfähigkeit
getestet wird. Das geplante hochrangige Treffen zum Jahrestag der
Milleniumserklärung wird voraussichtlich zu einem politischen
Konsens bezüglich der Änderungen führen. Es bleibt
aber die Frage, ob es dazu kommen wird. Die Frage ist weiterhin
offen. Es gibt keine einfache Antwort.
Polen verfolgt keinerlei heimliche Ziele, wenn es
sich für die Reform der UNO einsetzt. Wir verlangen keinen
ständigen Sitz im Sicherheitsrat, wir fordern keine
institutionellen Veränderungen. Wir gehen davon aus, daß
zuerst die Probleme zu identifizieren sind, das neue Mandat der UNO
zu bestimmen ist, erst danach kann man an institutionelle Änderungen
denken. In unserer Haltung lassen wir uns von dem Interesse der
internationalen Gemeinschaft leiten und gehen über regionale
Schranken hinaus. Unsere Initiativen sind vor allem ein
intellektueller Beitrag, ein Versuch, auf innovative, kreative Weise
zu denken.
Hohes Haus!
Eine Frage, die eine ernsthaftere Diskussion in
Polen erfordert, lautet, wie das Profil eines politischen,
militärischen und wirtschaftlichen Engagements Polens innerhalb
des globalen Beziehungsgeflechts aussehen soll. Ich denke an den
polnischen Staat, der durch den Beitritt zur Europäischern Union
sich in einem neuen System, internationaler Beziehungen eingefunden
hat, wobei die EU als gemeinschaftliches Subjekt auftritt. Stanisław
Wyspiański schrieb einst in dem Drama „Die Hochzeit“
voller Ironie: „Selbst wenn in der ganzen Welt Kriege toben,
wenn bloß im polnische Dorf Ruhe und Stille herrschen“.
Das ist und kann nicht die Devise der polnischen Politik für die
heutige Zeit sein. Die Sicherheit ist wirklich unteilbar geworden und
die Bedrohung unserer nationalen Sicherheit kann in exotischen
Regionen ihren Ursprung nehmen, die von Polen weit entfernt sind.
Einen Imperativ der polnischen Außenpolitik bildet die Suche
nach nationaler Sicherheit im Rahmen der internationalen Sicherheit,
in Zusammenarbeit mit anderen Staaten. Von diesem Standpunkt aus ist
unsere Rolle im Irak zu betrachten. Das Problem liegt darin, daß
der Bedarf an solch schwierigen Rollen der Mitgliedsstaaten von NATO
und Europäischer Union, die viele Entsagungen bedeuten,
wahrscheinlich nicht abnehmen wird. Die NATO ist militärisch in
Afghanistan engagiert und erwartet auch von Polen einen aktiven
Beitrag. Die Europäische Union baut ihre Kampfgruppen auf.
Die humanitäre Katastrophe in Südostasien gebietet eine
Änderung des Konzepts für diese Gruppen, damit sie in
derartigen Krisenlagen wirksame internationale Hilfe bringen können.
Auch die Lage im Sudan zeugt von der Notwendigkeit, derartige
Maßnahmen zu ergreifen. Somit stellt sich uns die Aufgabe, eine
vernünftige Doktrin für das Engagement unserer
militärischen Kräfte in ähnlichen Operationen
auszuarbeiten. Dies betrifft vor allem humanitäre
Interventionen. Für ein derartiges polnisches Engagement wird
ein breites Verständnis der Bevölkerung benötigt.
Bislang konnte das offensichtliche, wenn auch
relativ neue Postulat, daß wir aus einem Staat, dem andere
helfen, zu einem Volk werden sollten, das denjenigen, die die Hilfe
noch stärker benötigen, Hilfe leisten, wie eine hohle,
abstrakte Erklärung klingen. Die Tragödie in Asien hat
gezeigt, wie wichtig es ist, daß Polen sich an den
Hilfsmaßnahmen beteiligt und Solidarität beweist.
Hilfsleistungen für andere , die schwächer, ärmer
sind, unter Krankheiten, Hunger und Naturkatastrophen zu leiden haben
– das sollte von jetzt an unsere Sensibilität und
unser Bewußtsein ändern, aber auch eine
organisatorisch-budgetäre Dimension erhalten.
Herr
Sejmmarschall!
Hohes Haus!
Der Beitritt Polen zu den Strukturen und den
EU-Politiken macht es notwendig, unsere Beziehungen und Relationen zu
außereuropäischen Staaten umzubewerten und unsere Stellung
im globalen System neu zu definieren. Europa wird in einem immer
stärkeren Maße als etwas Ganzes betrachtet. Wir sollten
auf die Gestalt der EU-Politik gegenüber außereuropäischen
Gebieten Einfluß nehmen. Wir besitzen bestimmte Vorzüge –
wir waren keine Kolonialmacht, verfügen über ein
ausgebautes Netz diplomatischer Vertretungen, zahlenmäßíg
starke Auslandspolenkreise sowie zahlreiche Experten und Forscher.
Unsere größte Schwäche und Einschränkung sind
die bescheidenen Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Ohne
Finanzmittel kann man keine aktive Politik betreiben.
Die Strategie, die von der Regierung in Bezug auf
die außereuropäischen Entwicklungsstaaten vor kurzem
angenommen wurde, signalisiert politischen Willen und ein
Handlungsbedürfnis. Es ist ein wichtiges Signal, da es konkreter
und systematischer Natur ist. Die Strategie geht über allgemeine
Erklärungen hinaus, formuliert Aufgaben für viele Jahre.
Der Rang, die Bedeutung und Attraktivität solcher Partner wie
China, Indien, Pakistan, Malaysien, Thailand, Indonesien, einiger
arabischen Staaten, der Republik Südafrika, Nigeria, Angola,
Brasilien, Argentinien, Chile, Mexiko und vieler anderer Länder
wird zunehmen. Wir müssen unser eigenes System, mit dem die
Instrumente der Außenpolitik verwaltet werden, modernisieren,
um die Chance zur Teilnahme Polens an den globalen Prozessen zu
nutzen.
Hohes Haus!
Für unsere nationale Identität ist die
Tatsache von Bedeutung, daß ein bedeutender Teil der Polen,
Menschen polnischer Herkunft, außerhalb der Grenzen Polens
lebt. In den vergangenen Jahren haben wir eine komplexe
Regierungsstrategie für die Zusammenarbeit mit den
Auslandspolenkreisen ausgearbeitet. Es besteht ein bewährter
Mechanismus für die Verwirklichung dieser Politik. Es gibt auch
Angelegenheiten, die ein besonderes Augenmerk verdienen. Das trifft
vor allem auf die Unterstützung der Polen im Osten zu, die sich
nicht selten in einer schwierigen materiellen Lage befinden. Das
trifft auf die Problematik der Postulate der polnischen Minderheit in
Litauen und ihre Verwirklichung zu. Desgleichen trifft dies auf die
Möglichkeit zur Selbstverwirklichung der eigenen kulturellen
Identität der Polen in Deutschland zu. Ich möchte von
dieser Stelle aus beiden Häusern des Parlaments meine
Anerkennung und meinen Dank für die Hilfe, Unterstützung
und aktive Tätigkeit zugunsten der Auslandspolen bekunden.
Herr
Präsident!
Herr
Ministerpräsident!
Herr
Sejmmarschall!
Hohes Haus!
Die Bilanz der Außenpolitik der letzten
Jahre ist bemerkenswert. Der Beitritt zur Europäischen Union ist
die Krönung langjähriger Anstrengungen und hat ein neues
Kapitel in der Geschichte unseres Staates eröffnet. Wir haben
eine starke Position innerhalb des transatlantischen Gefüges und
ein hohes Prestige in Europa aufgebaut. Der Wandel in der Ukraine
eröffnet unserer Politik im Osten neue Möglichkeiten. Wir
haben begonnen, uns aktiv in den außereuropäischen Raum
hinauszubewegen.
Die internationale Umgebung, in der wir tätig
sind, ist außerordentlich unbeständig und instabil. Die
Lage verändert sich auf dynamische Weise. Dadurch gewinnen die
Dilemmata, vor denen wir stehen, an Schärfe und die Suche nach
richtigen Antworten wird komplizierter.
Ich habe den Versuch unternommen, das Augenmerk
des Hohen Hauses auf die fundamentalen Dilemmata, Aufgaben und
Prioritäten zu lenken. Viele Staaten stehen vor ähnlichen
Herausforderungen. In der heutigen Welt kann nur eine kollektive
Antwort eine wirksame Antwort auf die meisten internationalen
Probleme darstellen.
Erlauben Sie mir, zum Schluß meiner Rede
noch einmal meine Überzeugung zu äußern, daß es
in hohem Maße zwei Elemente sind, die über die Wirksamkeit
unserer Außenpolitik entscheiden und weiterhin entscheiden
werden: die Kontinuität und Konsequenz sowie das überparteiliche
nationale Interesse. Ausdruck dessen ist die gemeinsame oder
einträchtige Haltung der wichtigsten politischen Kräfte in
den für den Staat und die Nation grundlegenden Zielen und
Aufgaben der Außenpolitik.
Ich danke
Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.